Es gibt einen Satz, der in österreichischen Unternehmen regelmäßig Projekte auslöst, die dann doppelt so lange dauern und dreimal so viel kosten wie geplant: „Unsere Website gehört einmal neu gemacht.“
Klingt harmlos. Ist es nicht. Ein Website-Relaunch ist eine Operation am offenen Herzen: Die alte Seite bringt, so mittelmäßig sie sein mag, jeden Tag Besucher, Anfragen und Google-Rankings. All das steht während der Operation auf dem Spiel. Und weil die meisten Unternehmen alle fünf bis acht Jahre relaunchen, macht das intern niemand oft genug, um die Fallen zu kennen. Die Agentur, die den Relaunch verkauft, erzählt lieber von der schönen neuen Seite als von den Risiken.
Deshalb hier die Liste, die vor dem Projekt auf den Tisch gehört: die teuersten Fehler beim Website-Relaunch, sortiert nach Schadenssumme.
Fehler 1: Der Relaunch ohne Grund
Der teuerste Fehler steht ganz am Anfang: relaunchen, weil die Seite „alt ausschaut“. Optik ist ein Anlass, aber kein Ziel. Wer ohne messbares Ziel startet, bekommt am Ende genau das: eine hübschere Version desselben Problems.
Die Frage vor jedem Website-Relaunch lautet: Was soll die neue Seite können, was die alte nicht kann? Mehr Anfragen? Bessere Bewerbungen? Verkauf? Erklärungsarbeit für den Vertrieb? Aus der Antwort folgt alles Weitere: Struktur, Inhalte, Budgetverteilung. Ohne Antwort ist der Relaunch ein Deko-Projekt um fünfstelliges Geld.
Fehler 2: Die Weiterleitungen vergessen
Der Klassiker, und er tut richtig weh. Beim Relaunch ändern sich fast immer URLs: Seiten werden zusammengelegt, umbenannt, neu strukturiert. Jede alte Adresse, die ins Leere führt, ist für Google ein Signal: Dieser Inhalt existiert nicht mehr. Die mühsam über Jahre aufgebauten Rankings? Weg. Der Traffic? Halbiert, manchmal schlimmer. Und der Wiederaufbau dauert nicht Tage, sondern Monate.
Die Lösung ist unglamourös und billig: eine vollständige Liste aller alten URLs, und für jede eine dauerhafte Weiterleitung (301) auf die passende neue Seite. Nicht pauschal auf die Startseite, das wertet Google ab, sondern Seite zu Seite. Diese Excel-Tabelle ist das unsexy Herzstück jedes professionellen Relaunches. Wenn deine Agentur sie nicht von selbst anspricht: Alarmglocke.
Fehler 3: Design zuerst, Texte zuletzt
Der Ablauf in gefühlt achtzig Prozent der Projekte: Monatelang wird am Design gefeilt, dann sind drei Wochen vor Launch die Texte dran, und irgendjemand „macht die schnell“. Dabei ist es genau umgekehrt richtig: Die Texte sind die Website. Menschen kommen wegen Antworten, nicht wegen Layouts.
Das Fundament liefert die Forschung: Laut der Stanford Web Credibility Study beurteilen 75 Prozent der Nutzer die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens anhand seiner Website (Quelle: Stanford/Fogg, 2002). Und diese Beurteilung passiert schnell: Eine kanadische Studie zeigte, dass Besucher den visuellen Eindruck einer Seite in nur 50 Millisekunden bilden (Quelle: Lindgaard et al., 2006). Erster Eindruck: Design. Entscheidung zu bleiben, anzufragen, zu kaufen: Inhalt. Wer beides ernst nimmt, beginnt mit der Botschaft und baut das Design darum, nicht umgekehrt.
Fehler 4: Die Website fürs eigene Organigramm bauen
Erkennst du sofort an der Navigation: „Unternehmen, Leistungen, Referenzen, Aktuelles, Kontakt“, und unter Leistungen dann die interne Abteilungsstruktur. Das ist die Firma aus der Innensicht. Der Besucher denkt aber nicht in deinen Abteilungen, er denkt in seinen Problemen.
Der Test ist einfach: Nimm deine drei wichtigsten Kundentypen und ihre häufigste Frage. Findet jeder von ihnen in zwei Klicks eine Seite, die genau diese Frage beantwortet? Wenn nicht, ist die Struktur falsch, egal wie aufgeräumt sie intern wirkt. Ein Relaunch ist die seltene Chance, die Perspektive zu drehen. Wer sie auslässt, zementiert die Innensicht für die nächsten sieben Jahre.
Fehler 5: Am Desktop abnehmen, am Handy ausliefern
Das Projektteam sitzt vor großen Monitoren und nickt die Entwürfe ab. Die Kundschaft kommt mit dem Handy. Je nach Branche laufen 60 bis 80 Prozent der Besuche über Mobilgeräte, und dort zerbröseln dann die eleganten Desktop-Layouts: Text zu klein, Buttons zu eng, das schöne Video lädt ewig.
Regel für die Abnahme: Jede Seite wird zuerst am Handy geprüft, erst danach am großen Bildschirm. Und zwar nicht im Besprechungszimmer-WLAN, sondern draußen, im mobilen Netz, so wie deine Kunden sie erleben.
Fehler 6: Launch als Ziellinie statt als Startlinie
Der Termin steht, alle arbeiten auf den großen Tag hin, die Seite geht online, es gibt Sekt. Und dann? Dann passiert: nichts mehr. Die neue Website versteinert am Tag ihres Launches, so wie die alte davor.
Dabei beginnt die eigentliche Arbeit erst jetzt: beobachten, wo Besucher aussteigen. Formulare testen. Inhalte nachschärfen. Die Seiten ausbauen, die Anfragen bringen. Plane deshalb nicht 100 Prozent des Budgets für den Launch, sondern reserviere einen Teil für die zwölf Monate danach. Eine Website ist kein Bauwerk, sie ist ein Mitarbeiter, und Mitarbeiter brauchen Betreuung.
Fehler 7: Alles auf einmal wollen
Neues Design, neue Texte, neues CMS, neuer Shop, neue Sprachversionen, und das alles bis zur Messe im Herbst. Solche Projekte kippen mit Ansage. Jede zusätzliche Baustelle multipliziert Abstimmungen, Fehlerquellen und Verzögerungen.
Die Alternative: in Etappen denken. Erst die wichtigsten Seiten sauber neu, dann der Rest. Erst eine Sprache, dann die zweite. Ein Relaunch, der in Etappen live geht, liefert früher Ergebnisse, und Fehler bleiben klein genug, um sie nebenbei zu beheben.
Die Checkliste vor dem Startschuss
Bevor du einen Website-Relaunch beauftragst, sollten diese Punkte schriftlich beantwortet sein:
- Ziel: Woran messen wir in zwölf Monaten, ob sich der Relaunch gelohnt hat?
- Bestandsaufnahme: Welche Seiten bringen heute Traffic und Anfragen? (Die dürfen auf keinen Fall verlieren.)
- Weiterleitungsplan: Wer erstellt die URL-Liste, wer prüft sie nach dem Launch?
- Inhalte: Wer schreibt die Texte, und wann? (Antwort „am Schluss“ ist die falsche.)
- Mobile Abnahme: Wird am Handy getestet, bevor freigegeben wird?
- Betrieb danach: Wer betreut die Seite nach dem Launch, mit welchem Budget?
Sechs Fragen, eine Stunde Arbeit. Diese Stunde ist die beste Investition des ganzen Projekts.
Ein Website-Relaunch ist am Ende wie ein Umzug: Die neuen Möbel sind der schöne Teil. Entscheidend ist, dass die Post ankommt, die Schlüssel passen und niemand vor verschlossener Tür steht. Wenn du einen Relaunch planst und ihn lieber einmal richtig als zweimal halb machen willst: Reden wir, bevor du startest.
Häufige Fragen
Wie oft sollte man einen Website-Relaunch machen?
Ein kompletter Relaunch steht meist alle fünf bis acht Jahre an, wenn Technik, Design und Struktur gemeinsam veraltet sind. Besser als der große Knall in langen Abständen ist aber laufende Pflege: Inhalte aktualisieren, Seiten ergänzen, Design behutsam nachziehen. Wer kontinuierlich arbeitet, braucht den radikalen Relaunch seltener.
Warum verliert eine Website nach dem Relaunch Google-Rankings?
Der häufigste Grund sind fehlende oder falsche Weiterleitungen: Alte URLs führen ins Leere, und Google verliert die Verbindung zu den aufgebauten Rankings. Weitere Ursachen sind gelöschte Inhalte, überschriebene Seitentitel und langsamere Ladezeiten. Mit einem vollständigen 301-Weiterleitungsplan ist ein Relaunch ohne dauerhaften Verlust machbar.
Was kostet ein professioneller Website-Relaunch?
Für ein KMU liegt ein professioneller Relaunch je nach Umfang meist zwischen 8.000 und 40.000 Euro; mit Shop, mehreren Sprachen oder umfangreichen Inhalten auch darüber. Wichtiger als die Gesamtsumme ist die Verteilung: Wer alles ins Design steckt und nichts in Texte, Weiterleitungen und Betreuung nach dem Launch, zahlt am Ende doppelt.
Wie lange dauert ein Website-Relaunch?
Realistisch drei bis neun Monate, abhängig von Seitenumfang, Textarbeit und Abstimmungswegen. Der häufigste Zeitfresser ist nicht die Technik, sondern fehlende Inhalte und späte Entscheidungen. Wer Texte, Bilder und Freigabeprozesse früh klärt, halbiert die Projektdauer.
Quellen
- Stanford/Fogg (Stanford-Makovsky Web Credibility Study), 2002: https://credibility.stanford.edu/pdf/Stanford-MakovskyWebCredStudy2002-prelim.pdf
- Lindgaard et al., Behaviour & Information Technology, 2006: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/01449290500330448




