„Positionierung? Brauch ich nicht, ich hab eh genug Arbeit.“ Diesen Satz hört man von Handwerksbetrieben oft, und er klingt unschlagbar logisch. Die Auftragsbücher sind voll, das Telefon läutet, wozu also Marketing-Theorie?

Schauen wir kurz genauer hin, was da im Auftragsbuch steht. Die Kleinreparatur mit 40 Minuten Anfahrt. Der Auftrag, bei dem drei Vergleichsangebote eingeholt wurden und der Preis auf den letzten Cent verhandelt ist. Die Baustelle, die keiner im Team mag. Volle Bücher sagen nichts über gute Bücher. Die eigentliche Frage lautet nicht: Hast du genug Aufträge? Sie lautet: Bekommst du die Aufträge, die du willst, zu Preisen, die sich rechnen, von Kunden, die nicht feilschen?

Genau das entscheidet die Positionierung im Handwerk. Und nebenbei entscheidet sie noch etwas viel Größeres: wer sich bei dir bewirbt. Aber der Reihe nach.

Was Positionierung im Handwerk bedeutet

Die einfache Definition: Positionierung ist der Platz, den dein Betrieb im Kopf der Menschen deiner Region besetzt, also das, was ihnen als Erstes einfällt, wenn dein Name fällt. „Der Installateur, der zurückruft.“ „Die Tischlerei für die richtig schönen Sachen.“ „Die Baufirma, bei der die Baustelle sauber ist.“ Oder eben: nichts. Kein Bild, keine Zuschreibung, ein Name unter zwanzig im Umkreis.

Das Brutale daran: Diesen Platz besetzt du so oder so. Die Frage ist nur, ob du ihn selbst bestimmst oder dem Zufall überlässt. Ein Betrieb ohne bewusste Positionierung wird von außen einsortiert, meistens in die Schublade „einer von vielen“, und in dieser Schublade wird ausschließlich über den Preis entschieden.

Warum sich das gerade im Handwerk doppelt auszahlt

Erstens: bessere Aufträge

Der Betrieb, der „alles rund ums Haus“ anbietet, konkurriert bei jeder Anfrage mit jedem. Der Betrieb, der für Badsanierung aus einer Hand bekannt ist, bekommt genau diese Anfragen, und zwar von Kunden, die schon wissen, dass sie ihn wollen. Sie vergleichen weniger, verhandeln weniger und empfehlen mehr, weil „die Badfirma“ leichter weiterzuerzählen ist als „ein Installateur, der auch Fliesen macht, glaub ich“.

Dazu kommt das veränderte Suchverhalten: Auch Handwerker werden heute gegoogelt, bevor angerufen wird. Lokale Suchen sind dabei erstaunlich entscheidungsnah: 76 Prozent der Menschen, die am Smartphone nach einem Anbieter „in der Nähe“ suchen, werden innerhalb eines Tages aktiv (Quelle: Google/Think with Google, 2018). Wer in diesen Momenten mit klarem Profil, guten Fotos und echten Bewertungen auftaucht, gewinnt den Auftrag oft, bevor der Mitbewerber überhaupt zurückgerufen hat.

Zweitens: bessere Bewerber

Die vielleicht wichtigste Baustelle des Handwerks ist die eigene Mannschaft. Der Nachwuchs wird knapper: In der Steiermark standen 2025 nur noch 13.826 Lehrlinge in Ausbildung, um 3,4 Prozent weniger als im Jahr davor, bei den Anfängern betrug das Minus sogar 5,5 Prozent (Quelle: WKO Steiermark, 2025). Um diese schrumpfende Gruppe konkurrieren alle Betriebe gleichzeitig.

Und für wen entscheidet sich ein junger Mensch, der drei Lehrstellen zur Auswahl hat? Für den Betrieb, den er kennt. Den er auf Instagram oder TikTok gesehen hat, mit echten Baustellen, echtem Team, echtem Stolz. Positionierung wirkt nach zwei Seiten: Dieselbe klare Marke, die Kunden anzieht, zieht Bewerber an. Der unsichtbare Betrieb zahlt doppelt, mit schlechteren Aufträgen und leeren Bewerbungsmappen.

Fünf Schritte zur Positionierung deines Betriebs

  1. Finde deinen Schwerpunkt in der Nachkalkulation. Nicht im Bauchgefühl: Welche Auftragsart bringt die beste Marge bei der wenigsten Reiberei? Das ist dein Kandidat für die Speerspitze. Du darfst weiterhin anderes annehmen, aber beworben, gezeigt und erzählt wird die Spitze.
  2. Formuliere den Satz, den man weitererzählen kann. „Wir machen Badsanierung komplett: ein Ansprechpartner, drei Wochen, fixer Preis.“ So ein Satz wandert von Grillfest zu Grillfest. „Ihr Meisterbetrieb für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik“ wandert nirgendwohin.
  3. Zeig deine Arbeit, nicht deine Floskeln. Das Handwerk hat einen unfairen Vorteil, den die meisten verschenken: Die Arbeit ist fotogen. Vorher-nachher-Bilder, kurze Videos von der Baustelle, der Lehrling, der sein erstes Gesellenstück zeigt. Das ist ehrlicher Content, den keine Agentur erfinden könnte und der auf Social Media verlässlich funktioniert, gerade regional.
  4. Kümmere dich um Google wie um dein Werkzeug. Vollständiges Unternehmensprofil, aktuelle Fotos, und nach jedem zufriedenen Auftrag aktiv um eine Bewertung bitten. Zwanzig echte Bewertungen mit Antworten vom Chef sind im Handwerk ein härteres Verkaufsargument als jede Hochglanzbroschüre.
  5. Gib dem Betrieb ein Gesicht. Menschen beauftragen Menschen, besonders wenn sie ihnen Haus und Wohnung aufsperren. Der Chef oder die Chefin, die in kurzen Videos erklären, worauf man bei einer Sanierung achten muss: Das baut Vertrauen auf, bevor das erste Angebot geschrieben ist, und unterscheidet dich von jedem anonymen Mitbewerber.

Wie das in echt aussieht: zwei Betriebe, ein Markt

Stell dir zwei Elektrobetriebe im selben Bezirk vor, gleich groß, gleich gut, gleiche Preise. Betrieb A hat eine Website mit Leistungsliste von Alarmanlage bis Zählertausch, ein Google-Profil mit vier Bewertungen und wirbt gelegentlich im Gemeindeblatt mit „Ihr Elektriker für alle Fälle“.

Betrieb B hat sich entschieden: Photovoltaik und E-Mobilität für Eigenheime. Auf seiner Website rechnet ein Beitrag vor, wann sich eine Anlage amortisiert. Auf Instagram zeigt er jede Woche eine fertige Anlage mit dem Hausbesitzer davor. Sein Google-Profil hat sechzig Bewertungen, weil er nach jeder Abnahme freundlich darum bittet. Bei „Photovoltaik plus Ortsname“ taucht er zuerst auf.

Drei Jahre später machen beide noch alles, was ein Elektrobetrieb macht. Aber Betrieb B bekommt die Anfragen für die großen, planbaren, margenstarken Projekte, und zwar von Kunden, die gar kein zweites Angebot mehr einholen. Betrieb A bekommt, was übrig bleibt: die eiligen Kleinaufträge und die Preisvergleicher. Und wenn Betrieb B einen Lehrling sucht, bewerben sich drei, die „was mit Zukunftstechnik“ machen wollen, während bei Betrieb A die Anzeige leer läuft.

Der Unterschied zwischen den beiden war nie das Können. Es war eine einzige Entscheidung, konsequent sichtbar gemacht.

„Und wenn ich mich festlege und die Zeiten schlechter werden?“

Der berechtigte Einwand jedes Unternehmers. Die Antwort: Positionierung heißt nicht, Aufträge abzulehnen. Sie heißt, die Werbetrommel für eine Sache zu rühren statt für alles gleichzeitig. Der Badsanierungs-Betrieb darf selbstverständlich weiter Heizungen tauschen. Nur seine Sichtbarkeit, sein Ruf und seine Empfehlungen laufen über die Spitze.

Und in schwächeren Zeiten zeigt sich der eigentliche Wert: Der positionierte Betrieb hat einen Ruf, Stammkunden und eine Preisposition, von der er zehren kann. Der austauschbare Betrieb hat in der Krise nur ein Werkzeug, den Rabatt, und das macht die Krise erst richtig teuer.

Handwerk hat goldenen Boden, heißt es. Stimmt. Aber der Boden ist nicht überall gleich golden: Er glänzt dort, wo ein Betrieb einen Namen hat, der für etwas steht. Wenn du deinem Betrieb dieses Fundament bauen willst, von der Positionierung bis zum Auftritt, der sie sichtbar macht: Als Branding-Agentur in Graz arbeiten wir gern mit Betrieben, die anpacken. Das verbindet.

Häufige Fragen

Braucht ein Handwerksbetrieb mit vollen Auftragsbüchern überhaupt Positionierung?
Ja, denn volle Bücher sagen nichts über die Qualität der Aufträge. Positionierung sorgt dafür, dass du die profitablen Wunschaufträge bekommst statt der preisverhandelten Pflichtaufträge, und sie wirkt zusätzlich aufs Recruiting: Bewerber entscheiden sich für Betriebe, die sie kennen und die für etwas stehen.

Wie findet ein Handwerksbetrieb seine Positionierung?
Über die Nachkalkulation: Welche Auftragsart bringt die beste Marge bei der geringsten Reiberei? Dieser Schwerpunkt wird zur beworbenen Speerspitze, formuliert als weitererzählbarer Satz mit klarem Nutzen, etwa „Badsanierung komplett, ein Ansprechpartner, fixer Preis“. Andere Arbeiten darfst du weiterhin annehmen, beworben wird die Spitze.

Muss ich als Handwerker wirklich auf Social Media?
Es ist der günstigste Weg, regional bekannt zu werden, und das Handwerk hat dort einen natürlichen Vorteil: echte Baustellen, sichtbares Können, Vorher-nachher-Ergebnisse. Solche Inhalte funktionieren verlässlich und erreichen auch künftige Lehrlinge und Mitarbeiter, die sich Betriebe heute zuerst online anschauen.

Hilft Positionierung auch gegen den Fachkräftemangel?
Deutlich, denn die Bewerberzahlen sinken: In der Steiermark gab es 2025 um 3,4 Prozent weniger Lehrlinge als im Vorjahr. Junge Menschen bewerben sich bevorzugt bei Betrieben mit klarem Profil und sichtbarem Team. Eine gute Positionierung ist damit gleichzeitig Kundenwerbung und Mitarbeiterwerbung.

Quellen

  • WKO Steiermark, Statistik der Lehrlingsstelle, 2025: https://www.wko.at/stmk/personal/statistik-2025-lehrlingsstelle-wko-steiermark
  • Google/Think with Google, 2018 („Near me“-Suchverhalten, dokumentiert bei Backlinko): https://backlinko.com/local-seo-stats