Erzähl jemandem eine Geschichte ohne Konflikt und beobachte, wann er aufs Handy schaut. „Alle waren nett, alles ging gut, das Wetter war schön.“ Nach zwei Sätzen ist die Aufmerksamkeit weg. Jede Geschichte, die Menschen weitererzählen, hat einen Widerstand: einen Drachen, einen Sturm, ein Gegenüber. Ohne Reibung keine Spannung, ohne Spannung keine Erinnerung.
Marken sind Geschichten, die sich Menschen über Unternehmen merken. Und deshalb gilt für Marken dasselbe Gesetz: Eine Marke, die gegen nichts steht, erzählt eine Geschichte ohne Konflikt. Nett. Freundlich. Und vergessen, bevor der Kaffee kalt ist.
Wie vergessen, zeigt eine der unbequemsten Zahlen des Marketings: 75 % aller Marken könnten von heute auf morgen verschwinden, und die Menschen würden es entweder nicht bemerken oder mühelos Ersatz finden (Quelle: Havas Meaningful Brands, 2021). Drei Viertel. Das ist das Schicksal der Netten, die es allen recht machen wollten.
Was ein Markengegner ist und was nicht
Bevor jemand die Anwälte holt, die Definition: Ein Markengegner ist das, wogegen deine Marke erkennbar antritt. Das kann ein Zustand sein, eine Branchengewohnheit, eine Denkweise, in seltenen Fällen auch ein konkreter Mitbewerber. Der Gegner beantwortet die Frage, die sich jede Marke stellen muss: Wogegen kämpfst du eigentlich an?
Wichtig ist, was ein Gegner nicht ist: kein Anpatzen, kein Schlechtmachen namentlich genannter Konkurrenten, kein Dauerraunzen. Wer nur motschkert, wirkt klein. Der Gegner ist ein dramaturgisches Werkzeug, kein Gerichtsverfahren. Die besten Markengegner sind ohnehin keine Firmen, sondern Zustände, die auch deine Kunden nerven:
- Ein Möbelriese trat nie gegen andere Möbelhäuser an, sondern gegen die Vorstellung, dass schönes Wohnen den Reichen vorbehalten ist.
- Eine Getränkedose kämpft seit Jahrzehnten gegen die Müdigkeit, nicht gegen andere Limonaden.
- Unser eigener Gegner steht im Claim: Langweilig ist teuer. Wir treten nicht gegen andere Agenturen an, sondern gegen die Unsichtbarkeit, die brave, austauschbare Kommunikation produziert.
Der Gegner gibt der Marke eine Richtung, gegen die man sie erkennen kann. Und er tut noch etwas Wertvolleres: Er sortiert. Wer klar gegen etwas steht, zieht die Menschen an, die es genauso sehen, und schreckt die ab, die nie glücklich geworden wären. Beides spart Geld.
Warum Gegnerschaft so gut funktioniert
Sie schafft Kontur. Positionierung heißt, nicht alles für alle zu sein. Aber „wofür wir stehen“ bleibt oft weich und beliebig: Qualität, Kundennähe, Verlässlichkeit, das unterschreibt jeder. Erst das Dagegen macht das Dafür scharf. „Wir stehen für ehrliche Beratung“ sagt wenig. „Wir verkaufen dir nichts, was du nicht brauchst, auch wenn du danach fragst“ hat eine Kante, an der man sich reiben kann.
Sie erzeugt Zugehörigkeit. Menschen definieren sich über Gruppen, und Gruppen definieren sich immer auch über das, was sie nicht sind. Mac oder PC, Landliebe oder Stadtflucht, Kaffeevollautomat oder Siebträger. Wer als Marke eine Seite anbietet, gibt Kunden die Gelegenheit, sich zu bekennen. Aus Käufern werden Zugehörige, und Zugehörige verteidigen ihre Wahl sogar gegen Kritik.
Sie produziert Gesprächsstoff. Über Ausgewogenes redet niemand. Ein klarer Standpunkt, eine zugespitzte These, ein benannter Missstand: Das wird geteilt, diskutiert, widersprochen. Widerspruch ist dabei kein Betriebsunfall, sondern Teil des Systems. Eine Marke, der niemand widerspricht, hat nichts gesagt.
Wie du den Gegner deiner Marke findest
Der Gegner lässt sich nicht erfinden, er muss gefunden werden, und zwar dort, wo dein Geschäft ohnehin schon kämpft. Drei Fragen führen hin:
- Worüber regst du dich in deiner Branche ehrlich auf? Die Pfuscher, die Intransparenz bei Preisen, die Wegwerfqualität, die Beratung nach Provisionslage. Echte Empörung ist das Rohmaterial, gespielte fliegt auf.
- Worunter leiden deine Kunden, bevor sie zu dir kommen? Hör in Erstgesprächen genau hin. „Beim Letzten haben wir nie jemanden erreicht.“ „Die haben uns drei Monate vertröstet.“ Die wiederkehrenden Klagen deiner Kunden beschreiben deinen Gegner präziser als jeder Workshop.
- Was machst du bewusst anders, auch wenn es dich etwas kostet? Ein Gegner ist nur glaubwürdig, wenn die Gegnerschaft Konsequenzen hat. Wer gegen Wegwerfqualität antritt, muss reparieren statt neu verkaufen. Wer gegen Fachchinesisch kämpft, muss auch im Angebot verständlich schreiben.
Aus den Antworten baust du den Satz, der die Gegnerschaft trägt: „Wir glauben nicht, dass [Missstand] normal sein muss. Deshalb [konkrete Konsequenz].“ Dieser Satz gehört auf die Website, in den Pitch, in die Köpfe des Teams.
Wie der Gegner im Alltag sichtbar wird
Ein Gegner, der nur im Strategiepapier wohnt, ist keiner. Er muss in der laufenden Kommunikation auftauchen, und dafür gibt es dankbare Formate. Die Vorher-nachher-Geschichte: Zeig, wie es beim Kunden aussah, als der Missstand noch regierte, und wie es jetzt aussieht. Das Reibungs-Reel: Nimm eine Branchengewohnheit auseinander, freundlich im Ton, hart in der Sache, solche Videos werden überdurchschnittlich geteilt, weil sie aussprechen, was viele denken. Die Beweis-Serie: Wenn dein Gegner die Intransparenz ist, veröffentliche regelmäßig, was andere verstecken, etwa echte Preisbeispiele oder einen ehrlichen Projektverlauf inklusive der Woche, in der etwas schiefging.
Auch intern braucht der Gegner einen Platz. Neue Mitarbeiter sollten in der ersten Woche hören, wogegen das Haus antritt, denn sie treffen täglich kleine Entscheidungen, in denen sich genau das beweist. Ein Team, das den Gegner kennt, erkennt von selbst, welches Angebot, welcher Ton und welche Abkürzung nicht zur Marke passen. Das spart mehr Abstimmungsschleifen als jedes Handbuch.
Die Spielregeln, damit es nicht kippt
Gegnerschaft ist ein scharfes Werkzeug, also gibt es Schnittschutz:
- Zustände statt Namen. Gegen die Gewohnheit, gegen das System, gegen den Missstand, nie namentlich gegen den Betrieb auf der anderen Straßenseite. Erstens rechtlich heikler, zweitens wirkt es klein, drittens machst du den Genannten nur bekannter.
- Der Gegner muss auch der Gegner deiner Kunden sein. Interne Feindbilder, etwa der ungeliebte Großhändler, interessieren draußen niemanden. Der Test: Nicken deine Kunden, wenn du den Gegner benennst? Wenn nicht, ist es der falsche.
- Mehr Für als Gegen. Als Faustregel: Auf einen Beitrag, der den Missstand benennt, kommen drei, die zeigen, wie du es besser machst. Die Gegnerschaft ist das Salz, nicht die Suppe.
- Aushalten können. Wer sich eine Kante zulegt, bekommt Gegenwind, den ersten kritischen Kommentar, den Mitbewerber, der sich angesprochen fühlt. Das ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern des Funktionierens. Wer beim ersten Widerspruch zurückrudert, hätte gar nicht erst anfangen sollen.
Zum Schluss die Beruhigung für alle, denen das zu kriegerisch klingt: Es geht nicht um Aggression, es geht um Klarheit. Gerade im österreichischen Geschäftsleben, wo man einander am Wochenmarkt wieder trifft, gewinnt nicht der Lauteste, sondern der, dessen Standpunkt man kennt. Ein freundlicher Ton und ein klarer Gegner schließen einander nicht aus. Im Gegenteil: Das ist die Kombination, die man sich merkt.
Wenn du herausfinden willst, wogegen deine Marke antreten sollte, damit endlich jemand zuhört: Die Branding-Agentur in Graz hilft dir, deine Kante zu finden, ohne dass es untergriffig wird.
Häufige Fragen
Was ist ein Markengegner?
Ein Markengegner ist das, wogegen eine Marke erkennbar antritt: ein Missstand, eine Branchengewohnheit oder eine Denkweise, die auch die Kunden der Marke stört. Er gibt der Markengeschichte Spannung und macht die eigene Position schärfer. Ein konkreter Mitbewerber ist dafür fast nie nötig und selten klug.
Muss ich dafür Mitbewerber öffentlich kritisieren?
Nein, davon ist sogar abzuraten. Namentliche Angriffe sind rechtlich riskant, wirken klein und schenken dem Genannten Aufmerksamkeit. Starke Markengegner sind Zustände: Intransparenz, Wegwerfqualität, Fachchinesisch, Langeweile. Gegen die kann man antreten, ohne jemanden anzupatzen.
Schreckt eine klare Kante nicht Kunden ab?
Ja, und genau das ist der Nutzen: Sie schreckt die ab, die ohnehin nie zufrieden geworden wären, und zieht die an, die deine Sicht teilen. Studien wie Havas Meaningful Brands zeigen, dass Menschen auf den Großteil der braven, austauschbaren Marken verzichten könnten. Klare Marken sind die Ausnahme, an die man sich erinnert.
Wie finde ich den richtigen Gegner für meine Marke?
Über drei Fragen: Was stört dich in deiner Branche ehrlich? Worunter litten deine Kunden, bevor sie zu dir kamen? Und was machst du bewusst anders, auch wenn es dich etwas kostet? Der richtige Gegner liegt im Schnittpunkt der drei Antworten und lässt sich in einem Satz mit konkreter Konsequenz formulieren.
Quellen
- Havas Meaningful Brands, 2021: https://www.havas.com/press_release/havas-meaningful-brands-report-2021-finds-we-are-entering-the-age-of-cynicism/

